forum Implementierung von Kreislaufwirtschaft zum Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele

Einführung in das Thema

Implementieren von Kreislaufwirtschaft zum Erreichen der SDGs

Kurzzusammenfassung 

Dank der zusammenbrechenden Handelsketten im Zusammenhang mit COVID-19 sind sich endlich alle einig: Das Wirtschaftssystem unserer Welt muss sich ändern. In viele Papieren und Regularien ist die Rede von der sogenannten “Kreislaufwirtschaft”. Es gibt zwar keine allgemeingültige Definition der Kreislaufwirtschaft, aber auf der UN-Umweltversammlung 2019, der wichtigsten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen, wurde sie als ein Modell beschrieben, bei dem Produkte und Materialien "so konzipiert sind, dass sie wiederverwendet, wiederaufbereitet, recycelt oder zurückgewonnen werden können und somit so lange wie möglich in der Wirtschaft verbleiben".

2021 ist das Jahr in dem ein Bewusstsein entstand, dass unsere lineare Wirtschaftsstruktur nicht nur schlecht für die Umwelt ist, sondern auch schlecht für jeden einzelnen Menschen und auch den Geldbeutel. Eine gute Voraussetzung also, um dieses Problembewusstsein bei allen die Staatengemeinschaft 2022 zum Handeln und zur Implementierung von Regularien in der weltweiten, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit zu bewegen. 

Einleitung, Hintergrund und Grundsätzliches

Im Laufe der Zeit hat ein Ansatz für nachhaltige Entwicklung unter Wirtschaftswissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern und Geschäftsleuten an Bedeutung gewonnen. Er wird als Kreislaufwirtschaft bezeichnet. Obwohl es viele Konzepte für die Kreislaufwirtschaft gibt, beschreiben sie alle eine neue Art der Wertschöpfung und letztlich des Wohlstands durch die Verlängerung der Produktlebensdauer und die Verlagerung von Abfällen vom Ende der Lieferkette an den Anfang - d. h. eine effizientere Nutzung von Ressourcen durch Mehrfachverwendung.

Viele Regierungen fördern - und in einigen Fällen fordern - die Einführung von Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft, die zu einer höheren Ressourceneffizienz und weniger Abfall führen würden. Auf globaler Ebene enthalten die von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen im Jahr 2015 verabschiedeten Ziele für nachhaltige Entwicklung damit zusammenhängende Absichten.

Was ist Kreislaufwirtschaft?

Kreislaufwirtschaft ist ein Produktions- und Verbrauchs-Modell, in dem vorhandene Materialien und Produkte so lange wie möglich immer wieder geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Auf diese Weise wird der Rohstoffverbrauch verringert und der Lebenszyklus der Produkte verlängert. (Erklärvideo der Europäischen Union: https://multimedia.europarl.europa.eu/de/repair-reuse-and-recycle_V007-0034_ev)

In der Praxis bedeutet das, dass Abfälle auf ein Minimum reduziert werden. Nachdem ein Produkt das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat, verbleiben seine Ressourcen zu so großen Teilen wie möglich in der Wirtschaft. Sie werden immer wieder weiterverwendet, um weiterhin Wertschöpfung zu generieren. Dieses Modell der Kreislaufwirtschaft steht im Gegensatz zum linearen Wirtschaftsmodell (der sogenannten "Wegwerfwirtschaft"). Dieses Modell setzte und setzt noch immer auf große Mengen billiger, leicht zugänglicher Materialien und Energie. "Geplante Obsoleszenz" ist hier ein weiteres Merkmal, beispielsweise durch Weigerung der Hersteller ältere Smartphones mit Software Updates zu versorgen oder Sollbruchstellen in Haushaltsgeräten. 

Warum Kreislaufwirtschaft?

Unsere Ressourcen, die Ressourcen der Erde werden knapp. Eine Reihe wichtiger Rohstoffe ist nur begrenzt verfügbar und da die Weltbevölkerung wächst, steigt auch die Nachfrage nach Rohstoffen. Viele Länder sind bei der Versorgung mit Rohstoffen von anderen Ländern abhängig. Systematisch benachteiligt werden hier ärmere Länder obwohl gerade sie häufig über diese Rohstoffe verfügen. Die Gewinnung und Verwendung von Rohstoffen hat erhebliche Auswirkungen auf Klima und Umwelt. Sie erhöht den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen. Die intelligente Nutzung von Rohstoffen kann also CO2-Emissionen senken und einen positiven Effekt auf die Entwicklung der Erderwärmung haben. Das Thema “Kreislaufwirtschaft” steht daher besonders im zwölften Sustainable Development Goal (SDG) unter dem Titel “Nachhaltiger Konsum und Produktion” im Fokus. Es hat aber auch Anknüpfungspunkte zu anderen SDGs wie beispielsweise Ziel 6 (sauberes Wasser), Ziel 8 (nachhaltiges Wirtschaftswachstum) und Ziel 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz).

Welche Vorteile ergeben sich?

Durch Abfallvermeidung, Ökodesign, Wiederverwendung und ähnliche Maßnahmen kann viel Geld gespart werden und gleichzeitig Treibhausgasemissionen eingeschränkt werden. Ein Wandel hin zu einer Kreislaufwirtschaft könnte viele Vorteile bringen, wie zum Beispiel:

  • weniger Druck auf die Umwelt;
  • erhöhte Rohstoffversorgungssicherheit;
  • Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit;
  • Förderung von Innovation, Wachstum und Beschäftigung. 

In einer Kreislaufwirtschaft profitieren Verbraucher von langlebigen und innovativen Produkten, die langfristig zu Kosteneinsparungen und einer höheren Lebensqualität führen.

Obwohl der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft also eine Reihe von Chancen bieten könnte, ist der Weg dorthin hindernisreich. Der Anwendungsbereich der Kreislaufwirtschaft geht weit über Abfallvermeidung und Abfallmanagement hinaus. Es geht darum, natürliche Ressourcen effizient zu nutzen und den Einsatz von Sekundärrohstoffen zu erhöhen. Eine Aufgabe die nicht eine Nation allein bewältigen kann, sondern zu der sich die Staatengemeinschaft bekennen muss. 

Aktuelles

Neben seinen Aufgaben innerhalb der Organisation der Vereinten Nationen koordiniert der Wirtschafts und Sozialrat insbesondere die Tätigkeiten der 17 Sonderorganisationen der UN. Eine davon ist die UNIDO: Die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (englisch: United Nations Industrial Development Organization; UNIDO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit dem Ziel, die industrielle Entwicklung in Entwicklungsländern und Reformstaaten nachhaltig zu fördern. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem das Montreal Protokoll von 1989 über Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen. Es ist ein multilaterales Umweltabkommen und damit ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag des Umweltrechts. Mit der Ratifizierung durch die Demokratische Republik Timor-Leste am 16. September 2009 sind das Montreal-Protokoll und das damit zusammenhängende Wiener Übereinkommen die ersten Vertragswerke in der Geschichte der Vereinten Nationen, die von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert wurden. 

Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage: Wie stehen die weltweiten Wirtschaftsräume zum Konzept der Kreislaufwirtschaft? 

Es werden die 1947 vom ECOSOC eingerichteten 5 Regionalkommissionen betrachtet: 

  • Economic Commission for Africa (ECA),
  • Economic Commission for Europe (ECE),
  • Economic and Social Commission for Asia and the Pacific (ESCAP),
  • Economic Commission for Latin America and the Caribbean (ECLAC),
  • Economic and Social Commission for Western Asia (ESCWA).

Im Zuge des Wiederaufbaus der Wirtschaft im afrikanischen Raum nach der COVID-19 Pandemie betonte die UN Untergeneralsekretärin und Exekutivsekretärin des ECA (Economic Commission for Africa), Vera Songwe die Notwendigkeit eines "Paradigmenwechsels von ressourcenintensiven und ineffizienten Produktions- und Verbrauchsmodellen, die Anreize für Raubbau bieten, hin zu Modellen, die sich auf die nachhaltige Nutzung von Ressourcen konzentrieren und im Rahmen einer grünen Kreislaufwirtschaft über den gesamten Produktions- und Verbrauchszyklus hinweg Wert schaffen".

Die Economic Cooperation and Trade Division (ECTD) der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE) hat fünf Ansatzpunkte zur Förderung der Kreislaufwirtschaft in der UNECE-Region (Europa) identifiziert: 

(i) Abfallmanagement und -reduzierung, 
(ii) nachhaltige Beschaffung, 
(iii) Rückverfolgbarkeit von Wertschöpfungsketten, 
(iv) Normen und rechtliche Rahmenbedingungen und 
(v) Effizienz von Handels- und Logistikketten.

Die asiatisch-pazifische Region, in der zwei Drittel der wachsenden Weltbevölkerung leben, ist der Motor des globalen Wirtschaftswachstums und der Industrialisierung. Trotz bemerkenswerter Fortschritte in den Bereichen Gesundheit und Lebensunterhalt für Millionen der am meisten benachteiligten Menschen in der Region haben die Produktions- und Konsummuster verheerende Kosten für die Umwelt und die Ökosysteme verursacht. Zwar wurden Arbeitsplätze geschaffen und das Wachstum angekurbelt, doch haben neue regionale Produktionszentren mit ineffizienten Produktionsverfahren die natürlichen Ressourcen, Ökosysteme und Gemeinschaften stärker belastet. Die Region hat auch mit einer zunehmenden Verschmutzung durch unbehandelte Abfälle, einer Verschlechterung des Zustands der Meere und einem vom Menschen verursachten Klimawandel zu kämpfen, was die Fortschritte bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung behindert. Um das nicht nachhaltige Muster der industriellen Entwicklung in vielen Entwicklungsländern in Asien und im pazifischen Raum anzugehen, das auf dem Ansatz "erst verschmutzen, dann aufräumen" beruht, muss die sich abzeichnende Industrialisierung 4.0 ressourceneffizientere und nichtlineare Ansätze verfolgen. Ein wichtiger Ansatz, der von der ESCAP (Economic and Social Commission for Asia and the Pacific) seit 2005 als Teil des regionalen Ansatzes für kohlenstoffarmes grünes Wachstum befürwortet und in den Ländern der Region angewendet wird, ist die Kreislaufwirtschaft. 

Die Exekutivsekretärin der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC), Alicia Bárcena, bekräftigte im Juni 2021, dass die Förderung einer stärkeren Einbeziehung der Kreislaufwirtschaft die Region in die Lage versetzen wird, zu einem nachhaltigeren, integrativeren und kohlenstoffärmeren Entwicklungsmuster überzugehen. Bárcena betonte, dass der Weg zu einer stärkeren Einbeziehung der Kreislaufwirtschaft in der Region Änderungen in der öffentlichen Politik, der Regulierung, den Verwaltungssystemen, den öffentlichen Finanzen, den Investitionen, den Finanzierungssystemen und den Kapazitäten in allen Ländern erfordert. "Alle Phasen müssen berücksichtigt werden: die Produktion, der Verbrauch und die endgültige Abfallentsorgung. Wenn der Abfall- und Recyclingsektor in Lateinamerika und der Karibik zu einem Schlüsselsektor entwickelt würde und eine Recyclingquote für Siedlungsabfälle hätte, die der deutschen entspricht, könnte er zu einer grünen wirtschaftlichen Wiederbelebung beitragen: Es würden fast 450.000 stabile Arbeitsplätze geschaffen und das BIP der Region würde um 0,35 % steigen", betonte sie. "Wir sind überzeugt, dass die Vorteile der Kreislaufwirtschaft nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer und ökologischer Natur sind", schloss sie.

Auch im westasiatischen Raum wurden im Zuge des Projekts "Building Urban Economic Resilience during and after COVID-19", das von verschiedenen UN-Einrichtungen in 16 Städten auf der ganzen Welt durchgeführt wird, die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft diskutiert. Im Mittelpunkt des Projekts steht das Prinzip "sich besser erholen". Es werden Maßnahmen für die Planung und den Aufbau widerstandsfähiger Städte vorgeschlagen, die für einen risikoübergreifenden, sektorübergreifenden und von mehreren Interessengruppen getragenen Ansatz plädieren, der eine grüne und kreislauforientierte Wirtschaft fördert und zur Überwindung von Ungleichheiten beiträgt. Neben einer Vielzahl von Maßnahmen müssen die Prioritäten auf die wirtschaftliche Diversifizierung und die Verringerung von Anfälligkeiten ausgerichtet, geeignete Finanzierungslösungen bereitgestellt, der Sektor auf eine stärkere Umstellung auf erneuerbare Energien vorbereitet und die Grundsätze einer Kreislaufwirtschaft übernommen werden, scheibt die ESCWA 2021.

Probleme und Lösungsansätze

Wo liegt also das Problem?

Wirtschaftliche Einzelinteressen stehen an vielen Stellen dem von oben ausgegebenen Ziel der Reformation im Weg. Großkonzerne haben kein intrinsisches Interesse daran ihren Profit zu begrenzen um die Welt zu retten. Entwicklungsländer stellen nachvollziehbarerweise die Lebensqualität der eigenen Bevölkerung und den Aufschwung der eigenen Wirtschaft über die Interessen der Staatengemeinschaft. 

Dennoch kann die COVID-19 Pandemie und die damit verbundene Realisation, dass die Handelsketten im linearen System fragil sind ein Motivator sein aus den verschiedensten Perspektiven den Nutzen einer Kreislaufwirtschaft zu erkennen.

Zwei Schritte könnten zum Ziel führen: Erstens fördern des Verständnis des Lebenszyklusdenkens bei privaten und öffentlichen Entscheidungsträgern und des Entscheidungsprozesses bei Lebenszyklusexperten. Dies dient der Verbesserung von Entscheidungen, die eine Bewertung und einen Vergleich von Produkten, Technologien, Lebensstilen und wirtschaftlichen Entscheidungen erfordern. Zweitens schaffen eines Konsens und erleichtern des Zugang zu ökologischem, sozialem und wirtschaftlichem Lebenszykluswissen (Ökobilanzdaten, -methoden, -indikatoren usw.).

Der naheliegende Lösungsvorschlag, Konzerne durch Gesetze zur Mitarbeit zu zwingen, liegt außerhalb des Kompetenzrahmens des Wirtschafts- und Sozialrat, da dieser keine völkerrechtlich bindenden Entscheidungen treffen kann. 

Diskussionspunkte 

  • Wie können wirtschaftlicher Aufschwung und nachhaltiges (soziales und ökologisches) Handeln in Einklang gebracht werden?
  • Wie können alle Staaten gleichermaßen von den Veränderungen profitieren?
  • Welche Regeln braucht die internationale Gemeinschaft um nicht in alte Muster (Industrie- gegen Entwicklungsländer) zu verfallen?
  • Können wirtschaftliche Einbußen international ausgeglichen werden, sodass die Verbesserung des Systems über den einzelnen Interessen stehen kann?
  • Schafft es die Staatengemeinschaft sich nicht in einem Politischen Klein-klein zu verlieren sondern den Blick auf die Welt als Ganzes zu richten?

Hinweise zur Recherche

Vorsicht vor einseitiger Betrachtung der Probleme. Die Nachhaltigkeit bestehend aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Faktoren ist nicht ohne Grund häufig als Venn-Diagramm dargestellt. 

Begriffslexikon

Abkürzungen und Definitionen siehe Text. 

 

Quellenangaben

Nabu: Kreislaufwirtschaft. Weniger Müll, weiterverwenden und recyclen. URL: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/abfall-und-recycling/kreislaufwirtschaft/index.html  (Deutsch). 

European Parliamentary Research Service: Circular Economy. Europa-Parlament. URL:  https://www.europarl.europa.eu/thinktank/infographics/circulareconomy/public/index.html  (Englisch). 

Life Cycle Initiative. URL: https://www.lifecycleinitiative.org/ (Englisch). 

United Nations Economic Commission for Africa. URL: https://www.uneca.org/ (Englisch). 

United Nations Economic Commission for Europe. URL: https://unece.org/ (Englisch). 

Economic and Social Commission for Africa and the Pacific. URL:  https://www.unescap.org/ (Englisch). 

Economic Commission for Latin America and Caribbean. URL: https://www.cepal.org/en  (Englisch). 

United Nations Economic and Social Commission for Western Asia. URL: https://www.unescwa.org/ (Englisch). 


 

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